Das Futurium ist ein Haus der Zukünfte in Berlin, wo Besucher:innen aktiv experimentieren können (Copyright: David von Becker)
Interviews

„Die Schule der Zukunft begeistert im Heute für die aktive Mitgestaltung im Morgen“

Seit September 2019 gibt es in Berlin ein Haus der Zukünfte: Das Futurium präsentiert als Ausstellungs- und Veranstaltungsort die Themen von Morgen und regt die Besucher:innen an, sich im Futurium Lab aktiv mit diesen Ansätzen und Ideen zu beschäftigen. Aktuell ist das Gebäude wegen der Covid-19-Pandemie für den Publikumsverkehr geschlossen, die Arbeit im Inneren geht aber weiter. Wir konnten Dr. Christian Engelbrecht für ein Interview gewinnen, der als Referent für Bildung im Futurium arbeitet. Bei uns spricht er über die Schule der Zukunft, Vernetzung in der Bildungscommunity und die Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem.

Dr. Christian Engelbrecht, Referent für Bildung im Futurium (Copyright: David von Becker)
„Wir haben während des Lockdowns viel über digitale Formate für Schüler:innen und Lehrkräfte nachgedacht“, sagt Dr. Christian Engelbrecht, Referent für Bildung im Futurium. (Foto-Credit: David von Becker)
Was ist das Futurium Lab und welche Themen werden hier präsentiert?
Das Futurium ist ein Haus der Zukünfte mitten in Berlin. Im Untergeschoss befindet sich das Lab, ein Ort der Interaktion und des Lernens von und mit Zukunftstechnologien, beispielsweise aktuell zu den Themen Zukunft der Architektur, Bio-Design und Künstliche Intelligenz.

Ein Satz des Philosophen und Pädagogen John Dewey ist uns im Futurium Lab besonders wichtig: „Everybody can learn from the past, today it’s important to learn from the future.“ Es ist entscheidend, in die Zukunft zu blicken und sich zu fragen: Wie wollen wir leben? Wir möchten insbesondere Schüler:innen dazu befähigen, mündig und kritisch an einem Dialog darüber teilzunehmen, wie ihre Zukunft aussehen soll. Außerdem ist uns wichtig, dass die Schüler:innen erkennen, dass unsere gemeinsame Zukunft gestaltbar ist.
Was sind Ihre Aufgaben im Futurium?
Als Referent für Bildung möchte ich zeigen, wie Lehrkräfte zeitgemäße Lernformen und Bildungsformate für die Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen in den Unterricht integrieren und Ideen für die Zukunft in Co-Creation-Prozessen entwickeln können. Es geht mir um die Förderung von „Futures Literacy“, also der Fähigkeit von Menschen, sich mit Hilfe ihrer Fantasie unterschiedliche Zukünfte vorzustellen und sich dabei auch mit der Gestaltung von Zukunft zu beschäftigen.
Wie beeinflusst die Covid-19-Pandemie Ihre Arbeit?
Die Corona-Krise zwingt uns alle zu experimentieren. Wir haben während des Lockdowns viel über digitale Formate für Schüler:innen und Lehrkräfte nachgedacht und beispielsweise Tutorials und Online-Workshops entwickelt. Das sind zeitlich flexible Selbstlern-Formate, die Wissen, Reflexion, Technik und Selbermachen miteinander verbinden. Diese Angebote können von Schüler:innen aus eigenem Interesse und unabhängig von der Schule durchgeführt werden. Lehrkräfte können sie aber auch in ihren Unterricht integrieren und dort komplett oder in Teilen einsetzen. Wir bieten außerdem angeleitete dreistündige digitale Live-Workshops für Schulklassen an – ansehen und buchen kann man sie hier.
Auch wenn zukünftig wieder Workshops vor Ort möglich sind, werden wir stärker als bisher über die Frage sprechen, wie optimale hybride Bildungsformate aussehen können, die digitale und analoge Elemente miteinander verbinden.
Das Futurium ist ein Haus der Zukünfte in Berlin, wo Besucher:innen aktiv experimentieren können (Copyright: David von Becker)
Mitmachen ausdrücklich erwünscht: Im Futurium Lab können Schüler:innen selbst aktiv werden. (Foto-Credit: David von Becker)
Was für Besucher:innen spricht das Futurium an?
Die Themen in unserer Dauerausstellung sowie unsere Veranstaltungsformate sollen wirklich alle ansprechen – entsprechend offen, vielschichtig und verständlich ist nicht nur die inhaltliche Konzeption, sondern auch deren Vermittlung. Ziel ist es, Zukunftskompetenzen zu stärken, die Bedeutung von Wissenschaft, Technologie, Politik und Zivilgesellschaft für die Zukunftsgestaltung herauszustellen und Lust auf Zukunft zu machen.
Welchen Stellenwert haben Bildung und Lernen im Futurium?
Einen sehr hohen Stellenwert! Das Bildungs- und Vermittlungsprogramm umfasst neben Führungen durch die Dauerausstellung auch Workshops für Schulklassen, Fortbildungen für Lehrkräfte, Drop-in-Formate für Familien sowie Bildungsmaterialien, die für den Einsatz in der Schule ab Klasse 7 entwickelt worden sind. Wir wollen dabei unterstützen, Schule zu einem zukunftsfähigen Ort zu machen, an dem Kinder und Jugendliche lernen, die Welt im 21. Jahrhundert mitzugestalten.
Sie arbeiten unter anderem mit den Jungen Tüftlern und dem Education Innovation Lab zusammen, mit denen Sie Workshops und Bildungsmaterialien entwickeln. Welche Rolle spielt Vernetzung für Ihre Themen?
Vernetzung spielt eine sehr große Rolle, weil wir von- und miteinander lernen wollen. Unser Wunsch ist es, dass im Futurium Lab Bildungsforscher:innen und Laien, Visionär:innen und Neugierige zusammenkommen, um über dringende, bewegende, knifflige und kontroverse Fragen zur Zukunft der Bildung und des Lernens zu diskutieren. Vernetzung ist extrem wichtig, weil wir immer wieder – in Festivals, Podiumsdiskussionen, Prototyping-Workshops oder Spielen – wissenschaftliche Inhalte und kreative Formate kombinieren möchten.
Wie stellen Sie sich die Schule der Zukunft vor?
Die Schule der Zukunft begeistert im Heute für die aktive Mitgestaltung im Morgen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich die Zukunft vorzustellen ­­– welche Wünsche, Träume und Ideen haben wir? Was könnte die Welt besser machen? Eine Blumen-Drohne? Ein Problemlösungshelm? Ein solarbetriebener Glücksautomat? In einer „Schule der Zukünfte“, so wie ich sie mir vorstelle, wird getüftelt, gezeichnet, an Prototypen gebaut und über unser Zusammenleben diskutiert. Mit Stift, Schere und Papier, Lasercutter, 3D-Drucker und Computer erfinden Lehrkräfte und Schüler:innen dort gemeinsam eine eigene Welt aus (noch) unbekannten Wunderdingen, die auch in einem Haus der Zukünfte wie dem Futurium nicht fehlen dürften.
Im Futurium hat Bildung einen besonders hohen Stellenwert (Copyright: David von Becker)
Das Futurium will laut Dr. Engelbrecht dabei helfen, Schule zu einem zukunftsfähigen Ort zu machen. (Foto-Credit: David von Becker)
Woran hakt es im deutschen Bildungssystem?

Ich möchte zwei Aspekte herausgreifen:

  1. Ergebnisoffenes Arbeiten. Die Zukunft ist ein offener Möglichkeitsraum – wie sie aussehen wird, ist ungewiss. Deshalb benötigen wir Lernformate und Bildungsmaterialien, die Schüler:innen dabei unterstützen, sich mit Ungewissheit und offenen Fragen auseinanderzusetzen. Ein zentrales Ziel wäre es, die Schüler:innen dazu zu befähigen, selbst zu forschen und eigene Lösungen für die komplexen Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln. Kreativität ist oftmals ein chaotischer Prozess, in dem Ideen ausprobiert und wieder verworfen werden. Im Fokus des Unterrichtens sollte häufiger als bislang nicht nur ein zuvor definiertes Arbeitsergebnis stehen, sondern auch der Lernprozess selbst. Es kann herausfordernd sein, nicht zu wissen, was genau die Schüler:innen am Ende einer Lerneinheit produzieren oder welche individuellen Wege sie wählen. Wir möchten Lehrkräfte daher ermutigen, diese Ungewissheit auszuhalten und den Fokus auf die Begleitung und Reflexion des Lernprozesses zu legen.

  2. Beteiligung. Schüler:innen fordern an vielen Orten eine echte Beteiligungskultur, besonders wenn es um Großprojekte wie Energiewende, Digitalisierung oder Bildungsreformen geht. Doch noch viel zu selten findet eine Konsultation von Schüler:innen statt, wenn von Expert:innen aus Forschung und Politik Lösungen und Ideen für Zukunftsherausforderungen entwickelt werden. Eine echte Beteiligungskultur gibt es an vielen Schulen nach wie vor nicht. Dies gefährdet die gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen am politischen Leben.
Was war bisher Ihr Lieblings-Ausstellungsstück im Futurium Lab?
Das wechselt immer wieder! Derzeit ist mein Lieblingsexponat die senseBox, weil es ein besonders schönes Beispiel für ein Citizen-Science-Projekt ist. Dieses Exponat setzt sich mit der Frage auseinander, wie wir unsere Umwelt mit Hilfe von Daten analysieren und verbessern können. Schüler:innen lernen mit Hilfe der senseBox, was Daten sind, wie man diese erhebt und interpretiert – aber auch, warum offene Daten von Bedeutung für politische Teilhabe und gesellschaftliche Entwicklung sind.

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