Gründungsimpuls: Wenn Lernende mit Start-ups sprechen
„Woher hattest du eigentlich den Mut, immer weiterzumachen?“ Im Hörsaal der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin wird es still. Constantinos Calios, besser bekannt als Kosta und Mitgründer des Lebensmittelhändlers KoRo, überlegt einen Moment. Dann erzählt er von Zweifeln, Fehlentscheidungen und Situationen, in denen das Unternehmen auch hätte scheitern können. Die Studierenden fragen nach Lieferketten, Marketing, Finanzierung, schwierigen Entscheidungen und dem richtigen Zeitpunkt für einen Exit. Dabei sprechen sie auch über Verantwortung, Unsicherheit und die Frage, wie man trotz bestehender Zweifel ins Handeln kommt. Als der Live-Call endet, sagt Georg Babing, Mitgründer von edusiia und Lehrbeauftragter an der HTW: „Wow, so neugierig habe ich meine Studierenden selten erlebt.“ Möglich gemacht hat diese Begegnung zwischen Studierenden und Unternehmen der Gründungsimpuls, der Unternehmertum im Klassenzimmer und im Hörsaal erlebbar machen möchte.

Begegnungen verändern Perspektiven
Schüler:innen und Studierende beschäftigen sich im Laufe ihrer Bildungsbiografie mit Unternehmen, Märkten und Geschäftsmodellen. Den Menschen dahinter begegnen sie allerdings nur selten. Sie erfahren kaum, wie Gründer:innen mit Rückschlägen umgehen, wie sich unternehmerische Verantwortung anfühlt, warum Ideen scheitern oder weshalb manche Entscheidungen erst im Rückblick sinnvoll erscheinen. Das kann dazu beitragen, dass Unternehmertum weit entfernt und schwer zugänglich wirkt.
Laut Anika Straub, Head of Operations beim Gründungsimpuls, berichten viele Gründer:innen jedoch von Unsicherheit, Umwegen und Fehlern. Und von Menschen, die sie unterstützt und an ihre Ideen geglaubt haben. Persönliche Begegnungen machen diese Erfahrungen sichtbar. Sie zeigen, dass erfolgreiche Unternehmen von Menschen aufgebaut werden, die Ideen verfolgen, zweifeln, Entscheidungen treffen und durchhalten. Für junge Menschen kann das den Blick auf die eigenen Möglichkeiten verändern. So berichtet Anika, das ein Schüler nach der Teilnahme am Gründungsimpuls schrieb: „Jetzt möchte ich erst recht gründen, denn ich möchte Probleme lösen.“ Das Ziel sei laut Anika nicht, möglichst viele junge Menschen zu Gründer:innen zu machen, sondern ihnen zu zeigen, dass sie ihre Zukunft mitgestalten können.

Entrepreneurship Education bedeutet mehr als Gründen
Wer von Entrepreneurship Education spricht, denkt häufig zuerst an Start-ups und Unternehmensgründungen. Für das Team des Gründungsimpuls reicht der Begriff weiter: Entrepreneurship Education stärkt die Selbstwirksamkeit. Junge Menschen lernen, Probleme zu erkennen, Chancen wahrzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Sie werden darin bestärkt, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Daraus kann später ein Unternehmen entstehen, aber ebenso ein soziales Projekt oder eine Innovation innerhalb einer bestehenden Organisation.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt grundlegend. Die Fähigkeit, Veränderungen einzuordnen und selbst mitzugestalten, wird dadurch immer wichtiger. Entrepreneurship Education bereitet deshalb nicht nur auf eine mögliche Gründung vor. Sie fördert eine Haltung, mit der junge Menschen Herausforderungen aktiv angehen können.
Deshalb gibt es den Gründungsimpuls
Aus dieser Überzeugung heraus wurde der Gründungsimpuls ins Leben gerufen, eine gemeinnützige Organisation. Die Vision: Alle Schüler:innen und Studierenden sollte mindestens einmal erleben, wie sich Unternehmertum wirklich anfühlt.
Dafür stellt die Initiative Lehrkräften und Hochschuldozierenden eine kostenfreie und vollständig vorbereitete Unterrichtseinheit zur Verfügung. Sie kann ohne zusätzlichen Vorbereitungsaufwand eingesetzt werden. Im Mittelpunkt steht ein authentischer Start-up-Pitch. Die Lernenden untersuchen gemeinsam, welches Problem das Unternehmen lösen möchte, welche Idee dahintersteht und warum Innovation die Bereitschaft voraussetzt, etwas auszuprobieren. Ergänzend können Live-Calls mit Gründer:innen stattfinden. Sie geben den Lernenden die Möglichkeit, direkt nachzufragen und persönliche Erfahrungen kennenzulernen. So wird aus einer Unterrichtseinheit ein Austausch mit konkretem Praxisbezug.
Der erste Schritt einer Gründerreise
„Wir verstehen den Gründungsimpuls nicht als abgeschlossenes Einzelangebot“, so Anika. „Er soll der erste Schritt einer Gründerreise sein.“ Wer danach weitermachen möchte, findet bereits zahlreiche Angebote: beispielsweise JUGEND GRÜNDET, IMMS, eine Initiative der IHK, das YoungFoundersNetwork, regionale Gründungsinitiativen, Hochschulgründungszentren und weitere Programme der Entrepreneurship Education. Ziel des Gründungsimpuls sei es, diese bestehenden Angebote stärker miteinander zu verbinden. Lehrkräfte und Hochschuldozierende sollen einen möglichst einfachen Einstieg in dieses Bildungsökosystem erhalten. Der Gründungsimpuls dient dabei als Türöffner, an den sich unterschiedliche Lern- und Erfahrungswege anschließen können.

Eine wachsende Initiative
Der Gründungsimpuls wächst vor allem durch Lehrkräfte und Hochschuldozierende, die das Format weiterempfehlen, eigene Ideen einbringen und es mit weiteren Klassen oder Seminaren durchführen. Eine von ihnen ist Susanna Frings, Oberstufenkoordinatorin am Katholischen Schulzentrum St. Marien in Berlin. Nachdem sie den Gründungsimpuls mit rund 100 Schüler:innen durchgeführt hatte, schrieb sie der Initiative: „Danke für diesen leichten und gut vorbereiteten Einstieg – wir würden das gerne vertiefen.“
Rückmeldungen wie diese zeigen: Das Interesse an Entrepreneurship Education ist vorhanden. Häufig fehlen Lehrkräften jedoch die Zeit, geeignete Materialien oder ein direkter Praxisbezug. An dieser Stelle setzt der Gründungsimpuls an. Inzwischen haben mehr als 400 Schüler:innen und Studierende an dem Format teilgenommen. Gleichzeitig entsteht ein Netzwerk aus Lehrkräften, Hochschuldozierenden, Gründer:innen und weiteren Bildungsakteur:innen. Sie alle verbindet das Ziel, Entrepreneurship Education zu stärken und unternehmerisches Denken als Zukunftskompetenz im Bildungssystem zu verankern.
Ein weiterer Meilenstein ist laut Anika die Aufnahme des Gründungsimpulses in den Initiativkreis „Gründung in school“ unter dem Dach des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Gemeinsam mit weiteren Initiativen möchten wir Entrepreneurship Education sichtbarer machen und Schulen sowie Hochschulen den Zugang erleichtern.
Zukunft, die mit einem Gespräch beginnt
„An viele Unterrichtsstunden erinnern wir uns später kaum noch“, so Anika. Einzelne Begegnungen blieben dagegen im Gedächtnis: Menschen, die offen über ihre Erfahrungen gesprochen, Mut gemacht und neue Perspektiven eröffnet haben. Deshalb sei sie überzeugt: „Jede Klasse sollte einmal mit Gründer:innen sprechen.“
Damit das gelingt, sucht das Team vom Gründungsimpuls weitere Lehrkräfte oder Hochschuldozent:innen, die das Format in ihren Unterricht oder ihre Lehrveranstaltung aufnehmen und damit den Schüler:innen und Studierenden den direkten Austausch mit Gründer:innen ermöglichen. Alle Materialien stehen kostenfrei zur Verfügung und können ohne zusätzlichen Vorbereitungsaufwand eingesetzt werden. Auf Wunsch wird die Unterrichtseinheit durch einen Live-Call mit Gründer:innen aus dem Netzwerk der Initiative ergänzt.
Weitere Infos und Kontaktmöglichkeiten zum Gründungsimpuls findet ihr hier: www.gruendungsimpuls.de
