Märchenkoffer - Titelbild mit einem Kind, das mit einer Frau spielt

Märchenkoffer e. V. – „Sprache ist ein Werkzeug zum Leben“

Viele Kinder wachsen mit mehreren Sprachen auf, aber im Bildungsalltag bekommen ihre Familiensprachen trotzdem nur selten Raum. Der Märchenkoffer e. V. will das ändern. Übungsleiterin Sofia Voronchikhina aus dem Vereinsteam erzählt, wie Kinder durch gemeinsame Erlebnisse sprachlich sicherer werden, warum Märchen bis heute eine wichtige Rolle spielen und weshalb sie sich ein Haus der Mehrsprachigkeit in jedem Bundesland wünscht.

Drei Kinder spielen
Gemeinschaft steht beim Märchenkoffer e. V. im Fokus (Bild vom Verein)

Familiensprache in der Gemeinschaft erleben

„Viele mehrsprachig aufwachsende Kinder erleben im Alltag, dass fast ausschließlich die deutsche Sprache im Mittelpunkt steht“, sagt Sofia. Die Sprachen der Familien blieben dadurch häufig auf das Zuhause beschränkt. Zu Hause sprächen die Kinder mit ihren Eltern oder Großeltern eine andere Sprache als in der Schule, der Kita oder im Sportverein. Außerhalb der Familie gäbe es jedoch nur wenige Gelegenheiten, diese Sprache aktiv zu nutzen. Der Märchenkoffer e. V. will solche Gelegenheiten schaffen. Kinder können ihre Familiensprachen in einer Gemeinschaft erleben und weiterentwickeln. Das geschieht beim Spielen, in Theater- und Musikprojekten, beim Forschen, Programmieren oder während gemeinsamer Ferienfreizeiten. Für Sofia ist Sprache eng mit der eigenen Geschichte und dem Gefühl verbunden, dazuzugehören. „Besonders wichtig ist uns, dass Sprache nicht nur zu Hause bleibt, sondern auch im Bildungskontext lebendig wird.“

Die eigene Sprache bekommt einen Platz

Beim Märchenkoffer erleben Kinder, dass ihre sprachlichen Fähigkeiten auch außerhalb der Familie gefragt sind. Sie treffen andere Kinder, mit denen sie sich austauschen und gemeinsam etwas unternehmen können. „Das Schönste ist zu beobachten, wie Kinder beginnen, ihre Mehrsprachigkeit mit Stolz zu sehen“, erzählt Sofia. „Viele erleben bei uns zum ersten Mal, dass ihre Sprache nicht nur innerhalb der Familie wichtig ist, sondern auch in einer Gemeinschaft einen Platz hat.“ Diese Erfahrung wirkt sich auf den Umgang mit Sprache aus. Die Kinder sprechen freier und bringen ihre Kenntnisse aktiver ein. „Sie können damit spielen, diskutieren, Freundschaften schließen und Neues entdecken.“

Mehrere Kinder spielen mit Virtual-Reality-Geräten
Einige Kinder begleiten den Verein Märchenkoffer e. V. über viele Jahre (Bild vom Verein)

Auch Kinder, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, finden über eine gemeinsame Sprache leichter Kontakt. Andere unterstützen sie beim Deutschlernen. Die Rollen können sich je nach Situation verändern. Jedes Kind bringt Fähigkeiten mit, die für die Gruppe wertvoll sind. „So entsteht ein gegenseitiges Lernen, bei dem alle Beteiligten voneinander profitieren“, meint Sofia. Einige Kinder begleiten den Verein über viele Jahre. Sie beginnen als Teilnehmende und übernehmen später eigene Aufgaben. Ehemalige Grundschulkinder engagieren sich heute als Jugendleiter, Praktikant oder Ehrenamtliche. Sofia: „Für uns zeigt das, wie wichtig Orte sind, an denen Kinder sich angenommen fühlen, wachsen und langfristig ihren eigenen Weg finden können.“

Angefangen hat alles mit Märchen

Vor mehr als zwölf Jahren begann die Arbeit des Vereins mit Märchenstunden für mehrsprachige Kinder. Das Angebot ist seitdem stark gewachsen. Geschichten gehören weiterhin fest zum pädagogischen Konzept. Märchen laden Kinder zum Zuhören und Weitererzählen ein. Sie lernen neue Begriffe kennen, versetzen sich in Figuren hinein und sprechen über deren Entscheidungen. Viele Motive tauchen zudem in den Erzähltraditionen verschiedener Länder auf. So können Kinder und Familien eigene Geschichten wiedererkennen und miteinander teilen. „Für uns sind Märchen deshalb nicht nur Geschichten, sondern ein Türöffner für Sprache, Identität und gemeinsames Erleben“, sagt Sofia.

Das Erzählen ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten, Sprache anzuregen. Entscheidend ist, dass Kinder gemeinsam aktiv werden. „Sprache entsteht nicht nur im Unterricht. Sie entsteht überall dort, wo Kinder gemeinsam spielen, diskutieren, bauen, musizieren oder neue Erfahrungen machen.“ Diesen Gedanken überträgt der Verein auf seine verschiedenen Angebote. In einem Naturprojekt wird Sprache gebraucht, um Beobachtungen zu beschreiben. Beim Theater sprechen Kinder über Figuren und Szenen. Beim Programmieren erklären sie sich gegenseitig einzelne Schritte. Sprachbildung findet innerhalb einer Tätigkeit statt, die für die Kinder einen eigenen Sinn hat. „Genau deshalb verstehen wir Sprache nicht als Unterrichtsfach, sondern als Werkzeug zum Leben.“

Sprachbildung findet laut Märchenkoffer e. V. innerhalb einer Tätigkeit statt, die für die Kinder einen eigenen Sinn hat (Bild vom Verein)

Erfahrungen aus zwölf Jahren Praxis

Im Team des Märchenkoffers arbeiten Menschen mit pädagogischer Fachkompetenz und eigenen Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit, Migration und interkulturellem Lernen. Viele Mitarbeitende sind selbst mehrsprachig aufgewachsen oder leben in mehrsprachigen Familien. Hinzu kommen mehr als zwölf Jahre praktische Arbeit mit Kindern und Eltern. In dieser Zeit hat der Verein Sprach- und Freizeitangebote, Ferienprogramme und Projekte in unterschiedlichen Bildungsbereichen entwickelt.

Diese Erfahrungen möchte das Team stärker mit anderen Einrichtungen teilen. In Workshops und Fortbildungen erhalten pädagogische Fachkräfte Methoden, die sie in ihren Alltag übernehmen können. Sie lernen zum Beispiel, wie verschiedene Sprachen in eine Aktivität einbezogen werden können und wie Familien stärker an Bildungsangeboten mitwirken können. „Unser Ziel ist es, Mehrsprachigkeit nicht als zusätzliche Aufgabe zu verstehen, sondern als selbstverständlichen Bestandteil pädagogischer Arbeit“, sagt Sofia. Die Fachkräfte müssen dafür nicht jede Familiensprache beherrschen. Sie können Kindern signalisieren, dass ihre Sprachen willkommen sind, Begriffe aus verschiedenen Sprachen aufgreifen oder Familien nach Liedern, Geschichten und Spielen fragen. Oft reichen kleine Veränderungen, damit Kinder ihre Kenntnisse häufiger zeigen und nutzen.

Eine Vision für viele Regionen

Sofia Voronchikhina, Übungsleiterin beim Märchenkoffer e.V.
Sofia Voronchikhina, Übungsleiterin beim Märchenkoffer e.V. (Bild vom Verein)

Aus der langjährigen Arbeit des Vereins ist die Idee für ein „Haus der Mehrsprachigkeit“ entstanden. Kinder sollen dort regelmäßig Angebote besuchen und ihre Sprachen im Kontakt mit anderen anwenden können. Familien sollen einen Ort für Begegnung und Austausch finden. Pädagogische Fachkräfte sollen dort Beratung und neue Anregungen erhalten. „Wir wünschen uns, dass solche Orte langfristig in vielen Regionen entstehen – ein ‚Haus der Mehrsprachigkeit‘ in jedem Bundesland wäre ein großer Schritt, damit Kinder unabhängig von ihrem Wohnort die Möglichkeit haben, ihre sprachlichen Ressourcen weiterzuentwickeln.“

Für Sofia entspricht diese Vision einer Gesellschaft, in der Mehrsprachigkeit längst Alltag ist. Kinder bringen unterschiedliche sprachliche Erfahrungen mit in die Kita und die Schule. Bekommen diese Erfahrungen Raum, können sie ihre Fähigkeiten selbstbewusster einsetzen und sich stärker beteiligen. „Wenn Kinder mit all ihren sprachlichen und kulturellen Erfahrungen gesehen und wertgeschätzt werden, entwickeln sie mehr Selbstvertrauen, können ihre Fähigkeiten besser entfalten und aktiv an unserer Gesellschaft teilhaben. Davon profitieren nicht nur die Kinder selbst, sondern wir alle.“

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