Bildung gemeinsam gestalten: Die Initiative SchuleKitaUni der Universität Magdeburg
Kitas, Schulen und Universitäten arbeiten im deutschen Bildungssystem häufig nebeneinander statt miteinander. Übergänge zwischen den Bildungsphasen werden dadurch schnell zu Bruchstellen – für Kinder, Familien und pädagogische Fachkräfte. Die Initiative SchuleKitaUni der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg setzt genau hier an. Dr. Christiane Desaive und Prof. Dr. Kerstin Krauel von der Initiative erklären im Gespräch, wie ihr Netzwerk Theorie und Praxis enger miteinander verzahnt und warum solche Kooperationen entscheidend für mehr Bildungs- und Gesundheitsgerechtigkeit sein könnten.
Austausch entlang der gesamten Bildungskette
Die Initiative entstand aus der Beobachtung, dass viele Lösungen für Herausforderungen im Bildungssystem eigentlich längst bekannt sind. Sie werden jedoch zu selten gemeinsam umgesetzt. SchuleKitaUni will deshalb Akteur:innen aus Kitas, Schulen, Wissenschaft und Gesundheitswesen in einen niedrigschwelligen Austausch bringen.
„Die Initiative SchuleKitaUni hat das Ziel, alle Beteiligten und Akteur:Innen der Bildungskette und des Gesundheitssystems niederschwellig in einen informativen und partizipativen Austausch zu bringen, um so gemeinsam umsetzbare und nachhaltige Lösungen und Implementierungsstrategien zur Verbesserung der Bildungs- und Gesundheitsgerechtigkeit in Sachsen-Anhalt zu entwickeln“, umreißt Desaive das Projekt. Neben dem Austausch spielten auch die Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte eine zentrale Rolle. Lehramtsstudierende sollen frühzeitig Praxiserfahrungen sammeln und aktiv an Schulprojekten mitwirken.

Wenn Kita, Schule und Universität zusammenarbeiten
Kitas, Schulen und Universitäten gelten oft als getrennte Systeme. Genau diese Trennung möchte SchuleKitaUni überwinden. Der Vorteil einer engeren Zusammenarbeit liegt vor allem im direkten Theorie-Praxis-Transfer, erläutert Krauel: „Wenn Kita, Schule und Universität systematisch verbunden werden, entsteht ein wirklicher Theorie-Praxis-Transfer.“
Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten so schneller in pädagogische Praxis einfließen, während Forschung stärker an realen Herausforderungen ausgerichtet wird. Kinder profitieren von stabileren Übergängen zwischen den Bildungsphasen und können frühzeitig Kontakte zur Universität oder zu Ausbildungswegen knüpfen.

Die Universität als Brückenbauerin
In diesem Netzwerk übernimmt die Universität eine besondere Rolle. Sie versteht sich nicht nur als Forschungseinrichtung, sondern als aktiver Vermittler zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und pädagogischer Praxis. „Die Universität versteht sich in unserem Verbund als Brückenbauerin zwischen Wissenschaft und Praxis – und nimmt dabei bewusst alle drei Rollen ein: als forschender Begleiter, als Impulsgeberin und als gemeinsamer Lernort“, sagt Desaive. Ein zentraler Bestandteil sei die Einbindung von Studierenden in reale Bildungsprojekte: So entwickeln Studierende beispielsweise in Bachelorarbeiten gemeinsam mit Schulen neue Konzepte, die anschließend in Masterarbeiten umgesetzt und wissenschaftlich evaluiert werden. Auf diese Weise entsteht ein kontinuierlicher Kreislauf aus Forschung, Umsetzung und Reflexion.
Modellprojekte aus der Praxis
Neben Forschung und Lehre initiiert die Initiative auch konkrete Projekte. Ein Beispiel ist ein Buddy-Programm, das die Partizipation von Schüler:innen stärkt. Ältere Schüler:innen unterstützen jüngere Mitschüler:innen, etwa beim Schulstart oder in sozial-emotionalen Angeboten während der Pausen.
Auch die Zusammenarbeit verschiedener Schulformen wird bewusst gefördert. Gymnasium, Sekundarschule und Gemeinschaftsschule treffen sich regelmäßig an der Universität, um gemeinsam mit Studierenden und Expert:innen an neuen Ideen zu arbeiten.
Ein weiteres Projekt ist eine „Klasse 0“ an einer Startchancen-Grundschule mit hohem Migrationsanteil, bei der Studierende gezielt Vorschulkinder fördern und so frühzeitig Bildungsgerechtigkeit stärken.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Organisatorisch setzt SchuleKitaUni auf eine bewusst offene und dialogorientierte Struktur. Im interdisziplinären Kernteam werden Ideen und Impulse gemeinsam entwickelt. „Die Zusammenarbeit in unserem interdisziplinären Team ist aktuell bewusst schlank, dialogorientiert und gleichberechtigt organisiert“, so Krauel. Diese Arbeitsweise ermögliche schnelle Abstimmungen und fördere Innovation, gerade weil unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, Bildungspraxis und Sozialarbeit zusammenkommen.
Wenn Wissenschaft und Praxis voneinander lernen
Die bisherigen Erfahrungen bestätigen für Desaive und Krauel vor allem die Kraft solcher Kooperationen. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis führt laut den beiden nicht nur zu neuen Ideen, sondern stärkt auch die Motivation aller Beteiligten. „Besonders beeindruckt hat mich, dass die Synergien, die aus solchen Kooperationen entstehen, nicht nur theoretisch überzeugen, sondern ganz konkret alle Beteiligten bereichern“, sagt Desaive. Dabei sei dieser Ansatz grundsätzlich für viele Bildungsakteur:innen zugänglich. Entscheidend seien Offenheit, Engagement und der Wille, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Wie solche Ansätze dauerhaft wirken können
Damit Initiativen wie SchuleKitaUni nicht auf einzelne Modellprojekte beschränkt bleiben, braucht es aus Sicht der beiden Wissenschaftlerinnen strukturelle Veränderungen. Praxisrelevanz müsse stärker in der universitären Ausbildung verankert werden, Studiengänge sollten flexibler werden und interdisziplinäre Zusammenarbeit müsse selbstverständlich sein, meint Krauel: „Studierende benötigen Raum für Praxiserfahrung und wissenschaftliche Reflexion. Beides muss im Studium Hand in Hand gehen.“ Ebenso wichtig sei eine engere Kooperation zwischen Lehramt, Psychologie und Sozialer Arbeit. Denn im Schulalltag arbeiten diese Professionen ohnehin eng zusammen.
Eine gemeinsame Aufgabe für Bildung und Gesellschaft
Die beiden Expertinnen sind überzeugt, dass eine stärkere Verbindung von Wissenschaft, Praxis und Politik letztlich allen Beteiligten zugutekommt. Christiane Desaive: „Wenn es uns gelingt, Theorie und Praxis enger zu verknüpfen, profitieren alle: Studierende erhalten sinnstiftende Perspektiven, Kommunen und Bildungseinrichtungen werden besser unterstützt, und wir schaffen mehr Bildungsgerechtigkeit.“
SchuleKitaUni versteht sich damit nicht nur als universitäres Projekt, sondern als gemeinsames Experiment für ein Bildungssystem, das stärker vernetzt denkt und Übergänge zwischen den Bildungsphasen als gemeinsame Verantwortung begreift.
