Projekt HERAUSFORDERUNG - eine Gruppe junger Menschen blickt auf einen Berg, die Arme um die Schultern gelegt

Projekt HERAUSFORDERUNG: Raus aus dem Klassenzimmer, rein in die Selbstwirksamkeit

Beim Projekt HERAUSFORDERUNG übernehmen Jugendliche für mehrere Tage Verantwortung für ein selbst gewähltes Vorhaben. Tobias Lassig, zuständig für Wirkungsmanagement, hat uns erklärt, warum das Konzept Schulen verändert kann und weshalb Jugendliche oft mehr schaffen, als Erwachsene ihnen zutrauen.

Erfahrungen jenseits des Klassenzimmers

Schule ist in Deutschland noch immer stark vom Stundenplan geprägt: 45 oder 90 Minuten Fachunterricht, feste Räume, klare Zuständigkeiten. Das Projekt HERAUSFORDERUNG setzt bewusst einen anderen Akzent. Jugendliche entwickeln in Kleingruppen eigene Vorhaben, verlassen für mehrere Tage den gewohnten Schulrahmen und machen Erfahrungen, die sich nicht einfach in Klassenarbeiten abprüfen lassen: Verantwortung übernehmen, Unsicherheit aushalten, Entscheidungen treffen, Konflikte lösen, durchhalten.

Projekt HERAUSFORDERUNG Team
Das Projektteam setzt sich für mehr Selbstwirksamkeit ein (Copyright: Projekt HERAUSFORDERUNG)

„Die Idee, Jugendliche durch HERAUSFORDERUNGsprojekte in ihre Selbstwirksamkeit zu bringen, existiert bereits seit vielen Jahren“, sagt Tobias. Den entscheidenden Impuls für die heutige Organisation gab es 2019. Damals hätten die Gründer:innen beobachtet, dass solche Erfahrungsräume vor allem an Privatschulen mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten angeboten wurden. HERAUSFORDERUNG einfach machen wurde gegründet, um das Konzept breiter zugänglich zu machen und Schulen professionell bei Einführung und Umsetzung zu begleiten.

Heute erreicht das Projekt nach eigenen Angaben jährlich mehr als 2.000 Jugendliche an knapp 50 Lernorten in Deutschland und der Schweiz. Meist kommen die Teilnehmenden aus der achten oder neunten Jahrgangsstufe. Mit dabei sind alle weiterführenden Schulformen: öffentliche Mittel-, Real- und Gesamtschulen ebenso wie Gymnasien, inklusive Schulen und Schulen in freier Trägerschaft.

Projekt HERAUSFORDERUNG setzt auf erfahrungsorientiertes Lernen

Auf den ersten Blick steht das Konzept quer zur Logik des klassischen Schulbetriebs. Während Schule häufig auf kognitive Wissensvermittlung, Fächerlogik und Unterricht im Klassenverband ausgerichtet ist, setzt das Projekt auf erfahrungsorientiertes Lernen in nonformalen Settings. Tobias beschreibt die Organisation als außerschulischen Bildungsakteur an der Schnittstelle von Schule und Jugendhilfe. Ziel sei es, zu einer ganzheitlicheren Bildungslandschaft beizutragen.

Projekt HERAUSFORDERUNG Gruppe Kinder in der Natur
Beim Projekt geht es oft raus aus dem Klassenzimmer (Copyright: Projekt HERAUSFORDERUNG)

Dass dieser Ansatz nicht überall sofort auf offene Türen stößt, überrascht ihn nicht. Die Widerstände seien vielfältig. Starre Lehrpläne und eingeübte schulische Routinen erschwerten innovative Lernsettings. Hinzu komme der Ressourcenmangel: Viele Lehrkräfte seien bereits stark belastet, personelle und finanzielle Spielräume für neue Formate fehlten häufig. Auch Eltern und Behörden hätten teils Bedenken: „Eltern und Lehrkräfte haben teilweise Sorgen bezüglich der Sicherheit oder verstehen Schule primär als Ort der reinen Fachwissensvermittlung“, sagt Tobias. Genau hier setzt die Arbeit des Projekts an: durch Transparenz, Erfahrung und ein Konzept, das an die jeweilige Schule angepasst wird.

Vertrauen entsteht durch gute Vorbereitung

Um Schulleitungen, Kollegien und Eltern zu überzeugen, setzt HERAUSFORDERUNG auf Praxisnähe. Das Team bringt ein erprobtes Bildungsprogramm mit und begleitet Schulen durch den gesamten Prozess. Dadurch sollen Unsicherheiten reduziert werden. Besonders wirksam sei es, wenn Jugendliche, Lehrkräfte oder Eltern aus vergangenen Projekten von ihren Erfahrungen berichten.

Für Schulen kann das Projekt ein konkreter Einstieg in Schulentwicklung sein. Es bleibt nicht bei Leitbildern oder Konzeptpapieren, sondern wird im Alltag sichtbar. „Wir entlasten Schulen durch langfristige Kooperationen und multiprofessionelle Teams“, sagt Tobias. „Schulentwicklung wird so direkt anfassbar und bleibt keine Theorie.“

Auch Lehrkräfte werden gezielt begleitet. In Fortbildungen geht es unter anderem um eine coachende Haltung: weniger vorgeben, mehr ermöglichen, weniger kontrollieren, mehr vertrauen. Das kann auch den Berufsalltag verändern. Eltern wiederum werden über Informationsabende und ein Kinderschutzkonzept eingebunden. Viele erlebten, so Tobias, dass ihre Kinder durch das notwendige „Loslassen“ ungeahnte Stärken zeigen.

Tobias Lassig, zuständig für Wirkungsmanagement beim Projekt HERAUSFORDERUNG
Tobias Lassig, zuständig für Wirkungsmanagement beim Projekt (Copyright: Projekt HERAUSFORDERUNG)

Companions begleiten, aber sie führen nicht

Eine zentrale Rolle im Konzept spielen die sogenannten Companions. Sie begleiten die Jugendlichen während der Durchführungsphase, die in der Regel sieben bis 14 Tage dauert. Entscheidend ist dabei ihr Rollenverständnis: Sie leiten die Gruppen nicht, sondern halten sich bewusst im Hintergrund. Ihre Aufgabe ist es, Sicherheit zu gewährleisten, Orientierung zu geben, wenn es nötig ist und die Jugendlichen gleichzeitig in ihrer Eigenverantwortung zu stärken.

Die Anforderungen an Companions sind klar geregelt. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen, eine Präventionsschulung nachweisen und einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben. In der Regel nehmen sie außerdem an einer Ausbildung nach Juleica-Standard teil. Dort setzen sie sich mit pädagogischen Grundlagen und sicherheitsrelevanten Fragen der Begleitung auseinander.

Viele Companions bringen Vorerfahrungen aus der Jugendarbeit mit oder studieren Lehramt, Soziale Arbeit oder verwandte Fächer. Das Profil ist aber bewusst offen. „Wir hatten auch schon Manager:innen oder Rentner:innen als Companions“, sagt Tobias. Wichtig sei weniger ein bestimmter beruflicher Hintergrund als die Fähigkeit, Jugendlichen etwas zuzutrauen, ohne sie allein zu lassen.

Was passiert, wenn Jugendliche wirklich loslegen dürfen

Die Projekte selbst zeigen, wie unterschiedlich Herausforderungen aussehen können. Eine Gruppe nahm sich zum Beispiel vor, ihre Kochkünste zu verbessern. Neun Tage lang kochten die Jugendlichen Gerichte aus vier Herkunftsländern: Deutschland, Ägypten, Tschechien und Nigeria. Am Ende ging es nicht nur ums Kochen, sondern auch um kulturelle Vielfalt, Zusammenarbeit und gegenseitiges Verstehen.

Eine andere Gruppe, die sich „Die wilden Bären“ nannte, radelte 900 Kilometer von Köln nach Amsterdam. Dabei sammelten die Jugendlichen mehr als 1.600 Euro Spenden für den Umweltschutz. Solche Beispiele zeigen, worauf das Projekt zielt: Jugendliche sollen eigene Ideen entwickeln und erfahren, dass sie diese auch umsetzen können.

„Wir sind immer wieder überrascht und beeindruckt, was für tolle Ideen Jugendliche haben und wie mutig sie diese umsetzen, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt“, sagt Tobias.

Projekt HERAUSFORDERUNG Gruppe Kinder
Die Jugendlichen packen unterschiedliche Herausforderungen an – von kochen über Radtouren quer durchs Land (Copyright: Projekt HERAUSFORDERUNG)

Finanzierung zwischen Förderung und Elternbeiträgen

Finanziert wird das Projekt HERAUSFORDERUNG über drei Säulen. Eine institutionelle Förderung sichert die Grundstruktur der Organisation. Hinzu kommen Projektförderungen durch verschiedene Partner und Stiftungen. Die dritte Säule bilden Elternbeiträge, die sich laut Tobias an den Kosten einer normalen Klassenfahrt orientieren. Familien mit geringem Einkommen können Unterstützung über das Bildungs- und Teilhabepaket erhalten.

Das berührt eine zentrale Frage für die Bildungslandschaft: Wie können innovative Lernformate so finanziert werden, dass sie nicht nur einzelnen privilegierten Schulen offenstehen? Genau aus dieser Frage sei die Organisation entstanden. Ihr Anspruch ist, Erfahrungsräume für Selbstwirksamkeit breiter zugänglich zu machen.

Starke Persönlichkeiten für eine Welt von morgen

Langfristig verfolgt das Projekt eine größere Vision. „Starke Persönlichkeiten für eine Welt von morgen“ lautet der Leitsatz. Dahinter steht die Vorstellung einer Gesellschaft, in der junge Menschen komplexen Herausforderungen mit Mut, Selbstvertrauen und Kreativität begegnen können. Bildung soll sie dabei unterstützen, ihren Lebensweg selbstbestimmt zu gestalten, also in Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft.

Tobias spricht von Stärkenorientierung und einem „Growth Mindset“, die stärker im gesellschaftlichen Mainstream verankert werden müssten. Schulen sollen Lernorte werden, die Kopf, Herz und Hand verbinden und Potenzialentfaltung nicht als Zusatzprogramm verstehen, sondern als festen Bestandteil ihres Alltags.

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