Wie man Schule vom Kind aus denken kann
Wie muss Schule aussehen, damit Kinder nicht nur funktionieren, sondern Zukunft mitgestalten können? Sina Andrä bildet Lehrkräfte für die Grundschule aus und plädiert für einen Perspektivwechsel: Weg von Rezepten, Prüfungsmythen und Einzelkämpfertum, hin zu echter Partizipation, Kollaboration und einer Ausbildungskultur, die das vorlebt, was sie von Schule erwartet.
Kinder als Gestaltende der heutigen und zukünftigen Welt
Wer mit Sina über Schule spricht, merkt schnell: Für sie beginnt Bildung nicht bei Lehrplänen, Prüfungsformaten oder methodischen Rezepten, sondern bei den Kindern. Bei ihrem Alltag, ihren Bedürfnissen, ihren Zukunftschancen. Und bei der Frage, wie Schule zu einem Ort werden kann, der Kindern ermöglicht, sich selbst und die Welt wirksam mitzugestalten.
„Das große Ziel ist, den Lern- und Lebensort Schule, in meinem Fall Grundschule, an eben jene anzupassen, die dort lernen und einen großen Teil ihrer Wachzeit dort leben: die Kinder“, sagt Sina. Dazu müsse man die Begriffe Kindheit, Lernen und Leben viel stärker zusammendenken, und zwar mit Blick auf Gegenwart und Zukunft.
Für Sina bedeutet das: Schule sollte Kinder dabei unterstützen, „zu Gestaltern in der heutigen und zukünftigen Welt“ zu werden. Wenn Bildungsakteur:innen Ziele wie das „Wellbeing 2030“ aus dem OECD-Lernkompass ernst nähmen, gehe es nicht nur um fachliche Kompetenzen, sondern um die Frage, wie „ein Leben in Wohlbefinden für alle möglich wird“. Dafür brauche es zukunftsrelevante Ziele wie die Sustainable Development Goals, Future Skills und echte Möglichkeiten zur Partizipation.

Schule ist mehr als ein Gebäude
Bemerkenswert ist, dass Sina dabei Schule nicht als abgeschlossenen Ort versteht. Sie spricht bewusst von „kindgerechten, lernförderlichen Orten“ im Plural. Denn Schule müsse nicht zwingend durch ein einziges Gebäude definiert sein. Vielmehr gehe es darum, Bildungsräume zu öffnen und neu zu vernetzen.
Diese Perspektive prägt auch ihre Arbeit als Fach- und Kernseminarleiterin in einem Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung im Grundschulbereich. Denn wenn Kinder Zukunftskompetenzen entwickeln sollen, stellt sich für Sina sofort die Anschlussfrage: Was müssen Lehrkräfte wissen, können und an Persönlichkeitsentwicklung erfahren, um genau solche Lernwege zu ermöglichen?
Sie beschreibt dieses Denken als „Doppeldecker-Modell“: Wenn Kinder bestimmte Kompetenzen und Haltungen entwickeln sollen, müssen Lehrkräfte diese ebenfalls ausbilden. Inzwischen denkt Sina sogar noch eine Ebene weiter: Auch Ausbilder:innen müssten sich fragen, welche Kompetenzen, Werte und Zukunftsfähigkeiten sie selbst brauchen, um gute Lehrkräftebildung zu ermöglichen. „Damit fahren wir dann eigentlich sogar einen Triple-Decker“, sagt sie.
Das Bild passt gut zu ihrer Arbeit: Bildung als Gefährt in Bewegung, mit mehreren Ebenen, großen Ansprüchen und einer Realität, die selten geordnet verläuft. „Das erfordert ein ständiges Anpassen und Umbauen unseres Triple-Deckers, und dies nicht in Ruhe in der Werkstatt, sondern quasi nebenbei, während einer recht wilden Fahrt.“

Der „Möglichkeits-Blick“ als Haltung
Dass Sina heute so stark für Entwicklung, Veränderung und Zukunftsfähigkeit eintritt, hat auch mit ihrer eigenen Bildungsbiografie zu tun. Ihr Weg ins Lehramt war keineswegs geradlinig begeistert. Während des Studiums habe sie immer wieder mit ihrer Entscheidung gehadert. Ihre eigene Schulzeit sei zwar erfolgreich gewesen, aber auch mit Momenten des „Alien-Gefühls“ verbunden. „So richtig wohl und passend gefühlt habe ich mich im System Schule nie“, sagt sie.
Erst im Vorbereitungsdienst habe sie den Beruf in seiner Vielseitigkeit kennengelernt. Dort sei für sie der Theorie-Praxis-Bezug wirklich sichtbar geworden. Die Ausbildung habe sie als anstrengend, aber enorm entwicklungsförderlich erlebt. In dieser Zeit habe sie den Beruf der Grundschullehrerin wirklich schätzen gelernt: „abwechslungs- und facettenreich, herausfordernd mit einem recht großen Wirk- und Autonomiebereich“.
Diese Erfahrung hat ihren Blick auf Schule nachhaltig geprägt. Wenn Lehrkräfte oder Schulleitungen heute sagten, ihnen seien die Hände gebunden, um Bildungsarbeit wirklich zu verändern, setzt Sina eine andere Frage dagegen: „Was geht?“ Statt zuerst auf Grenzen zu schauen, gehe es darum, Handlungsspielräume zu erkennen und zu nutzen.
Diesen „Möglichkeits-Blick“ konnte sie früh ausbilden, auch weil sie bereits in der Ausbildung in inklusiven Settings und an entwicklungsoffenen Schulen unterrichtete. Zugleich hat sie erlebt, wie schnell der Alltag Visionen aufzehren kann. Der Schulalltag könne eigene Wirkthemen regelrecht „fressen“, sagt Sina. Unter Druck bestehe die Gefahr, dass Lehrkräfte auf schnelle Lösungen und alte Muster zurückgreifen: Buch aufschlagen, Arbeitsblatt austeilen, funktionieren.
Genau deshalb sieht sie gute Bildungsarbeit nicht als individuelle Held:innenleistung, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe. Lernerorientierte und zukunftsfähige Bildungsarbeit hänge „viel deutlicher von einer gemeinsam gelebten Vorstellung, entsprechender Leitung und multiprofessioneller Teamarbeit ab“, sagt sie.
Es gibt nicht die eine Schulnormalität
In ihrer heutigen Tätigkeit am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung erlebt Sina einen Raum, in dem Entwicklungsfreude, Mut und Autonomie möglich sind. Dort könne sie neue Elemente der Ausbildung implementieren, etwa einen Campus, in dem Auszubildende kollaborativ an eigenen Wirkthemen arbeiten.
Besonders wertvoll ist für sie der breite Einblick in unterschiedliche Schulen und Konzepte. Dadurch werde deutlich: „Die Schulnormalität gibt es nicht.“ Stattdessen gebe es viele verschiedene Möglichkeiten, auf konkrete Situationen vor Ort zu reagieren oder diese selbst aktiv zu gestalten.
Dieser Blick über die einzelne Schule hinaus könnte für Sina ein entscheidender Gelingensfaktor sein, um Schulentwicklung stärker in die Breite zu bringen. Wer nur eine Realität kennt, hält sie leicht für selbstverständlich. Wer viele Realitäten sieht, erkennt Handlungsspielräume.

Mythen der Lehrkräfteausbildung
Eine zentrale Herausforderung in der Lehrkräfteausbildung sieht Sina in Vorannahmen über Schule ebenso wie über Ausbildung. Viele angehende Lehrkräfte bringen eigene Schulerfahrungen mit, die tief prägen: Wie wurde über Lernen gesprochen? Was galt als Leistung? Welche Strategien führten zum Erfolg?
Gerade wer selbst erfolgreich durch das System Schule gegangen ist, habe häufig Strategien entwickelt, die systemkonform seien. Wenn Ausbildung dann mit Visionsarbeit beginne und Denkräume erweitern wolle, falle das zunächst nicht immer leicht. Deshalb sei biografische Selbstreflexion entscheidend. „Es braucht häufig ein Aufbrechen dieser Denkmuster, zum Beispiel zum Thema Leistung, die durch die eigene Schulbiografie entwickelt wurden, um dann Schule neu zu denken.“
Kritisch blickt Sina auch auf die Ausbildungslogik selbst. Am Ende stehe oft eine punktuelle Prüfungsleistung, in der eher eine „durchgestylte Unterrichtsstunde“ gezeigt werde als anspruchsvoller Alltagsunterricht. Auch bei Unterrichtsbesuchen wirkten Vorstellungen von der „optimalen Unterrichtsstunde“ fort.
Hinzu kämen Mythen, die über Ausbildungsgenerationen weitergegeben würden, wie z. B.: ‚Am Ende müsse immer mit allen reflektiert werden oder zu Beginn müsse ein Kind den Stundenverlauf erklären. Oder ganz grundsätzlich: Man müsse herausfinden, wie die Seminarausbilderin oder Seminarausbilder es haben wolle‘.
Sina hält wenig von solchen Mythen. „Wenn eine Auszubildende oder ein Auszubildender herausfinden möchte, was ich ‚haben möchte‘, wird sie schnell merken, dass es jenseits von Rezepten immer um die Kompetenzen und die Persönlichkeit der Köchin oder des Kochs gehen wird.“ Entscheidend seien selbstreguliertes Lernen, innere Beweglichkeit, Resilienz, Neugier und Mut, kurz: die Entwicklung von Teacher Agency.
Für sie ist dabei klar: Auch Ausbilder:innen sind Lernende. „Wir sind nie fertig, auch und schon gar nicht in der Lehrkräfteausbildung.“ Wer Lernbegleiter:in sein wolle, brauche selbst eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit. Und vor allem Integrität: „Wesentlich ist, dass wir am Seminar die Lern- und Leistungskultur leben, die wir den Auszubildenden vermitteln.“

Kollaboration ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung
Für Sina ist Vernetzung kein ‚nettes‘ Extra, sondern eine Grundbedingung für gute Bildungsarbeit. Alte Vorstellungen von Schule und Ausbildung ließen sich nur aufbrechen, wenn alle Beteiligten in Verbindung seien: Zentren für schulpraktische Lehrkräfteausbildung, Seminarausbilder:innen, Ausbildungsschulen, regionale Bildungsakteure, Schulleitungen, schulische Ausbilder:innen und multiprofessionelle Teams.
Konkret arbeitet Sina mit Schulen an gemeinsamen Ausbildungskonzepten und an einer tragfähigen Vorstellung guter Bildungsarbeit. Besonders wichtig ist ihr die „school community“: ein Verständnis von Schule, in dem alle ihre Stärken einbringen können, Kinder, Lehrkräfte, Verwaltung, Hausmeister:innen, multiprofessionelle Teams und Eltern.
Als Ausbilderin hat sie eine Multiplikatorenrolle. Ideen können über sie in viele Schulen hineinwirken. Damit das nicht punktuell bleibe, brauche es jedoch deutlich stärkere Strukturen der Vernetzung zwischen Ausbildungslehrkräften, Schulleitungen und ZfsL.
Auch die Phasen der Lehrkräftebildung müssten enger zusammenrücken. Sina wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen universitärer Ausbildung und Vorbereitungsdienst, idealerweise über gemeinsame Projekte, die konkret in der schulischen Praxis wirksam werden.
Besonders wichtig ist ihr zudem die Berufseinstiegsphase. Nach der Prüfung gehen junge Lehrkräfte in die volle schulische Realität. Dann kann genau das passieren, wovor Sina warnt: Ressourcen, Stärken und Gestaltungsbereitschaft werden vom Alltag aufgebraucht, alte Muster kehren zurück. Die Ausbildung wirkt dann nicht nachhaltig genug. Hier sieht sie großes Potenzial für bessere Begleitung.
Veränderung braucht Räume, Ressourcen und Sichtbarkeit
Was braucht es, damit Veränderung im Bildungsalltag nicht nur besprochen, sondern gelebt wird? Sina nennt mehrere Hebel: den „Möglichkeitsblick“, eine gewisse „Regeldehnungskompetenz“, besonders bei Schulleitungen, sowie Ressourcen für Kooperation, Fallberatung, Coaching und Hospitationen.
Ebenso wichtig sei Sichtbarkeit. „Gutes tun und darüber sprechen“, sagt sie, und zwar öffentlich. Innovative Ansätze und Projekte müssten sichtbarer gemacht und stärker wertgeschätzt werden. Ausbildung könne dabei als Innovationselement in Schulen verstanden werden, etwa über regelmäßige „News aus dem Seminar“, gemeinsame Plattformen oder die gezielte Einbindung von Auszubildenden und Seminarausbilder:innen in Schulentwicklung.
Ihr Wunsch: „Es wäre toll, wenn insgesamt mehr Schule ins Seminar käme und mehr Seminar in die Schule.“ Dafür brauche es gemeinsame Vorhaben, die sich etwa an Future Skills, den SDGs oder den Querschnittsaufgaben in Lehrplänen orientieren und zugleich Basiskompetenzen stärken.
Sina betont aber auch: All das ist nicht ohne Entlastung zu haben. Es brauche personale, zeitliche und finanzielle Ressourcen. Gerade in der Grundschule sei das angesichts des enormen Aufgabenspektrums besonders wichtig.

Zukunft: Schule als Teil einer Bildungslandschaft
Wenn Sina groß denkt, sieht sie Schule als Teil eines viel dichteren Netzwerks. Sie wünscht sich eine stärkere Verbindung mit Kitas, Familienzentren, Universitäten, Ausbildungsstätten und Zentren für Lehrkräfteausbildung. Schule wäre dann stärker mit Stadt, Veedel, Dorf und Leben verwoben, „als pädagogischer Raum, jedoch verbunden mit vielen Satelliten und Knotenpunkten innerhalb eines Bildungsnetzwerkes oder einer Bildungslandschaft“.
Auch das Lernen selbst würde sich verändern. Weniger Fächerkanon, mehr themen-, problem- und projektorientiertes Lernen. Mehr authentische Aufgaben mit Wirkung, nach außen in die Welt und nach innen für die persönliche Entwicklung. Statt Ableisten für den nächsten Test: regelmäßiges, unterstützendes Feedback und Feedforward.
Für Sina sind Zukunftskompetenzen zentral. Sie verweist auf Ansätze wie den Future Skill Navigator, die vier Dimensionen der Bildung oder die Inner Development Goals. „Wir brauchen gute, positive Zukunftsbilder und die Fähigkeit, diese Bilder zu entwickeln, ebenso wie die konkreten Kompetenzen und Tools, diese auch umzusetzen.“
Aktuell sieht sie neben der Förderung von Basiskompetenzen drei besonders wichtige Felder: Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und den kompetenten, verantwortungsvollen Umgang mit KI. In ihrem kommenden Ausbildungsdurchgang will sie außerdem Konflikt- und Diskursfähigkeit sowie Resilienz stärker in den Blick nehmen. „Das braucht es derzeit sehr“, sagt Sina.
