Schule im Aufbruch: „Meine Vision ist die von Schulen als Lern- und Lebensorten, in denen sich alle gerne aufhalten“
Die Initiative Schule im Aufbruch (SiA) begleitet bundesweit Schulen dabei, sich zu modernen, lebendigen Lernorten zu entwickeln. Wir haben mit der Münchner Regionalkoordinatorin Antje Roggenstein von der Organisation gesprochen. Sie ist überzeugt: Veränderung ist nicht nur möglich, sondern längst überfällig, denn: Die Welt verändert sich mit hohem Tempo – und entsprechend auch das, was Kinder brauchen, um gut zurechtzukommen und ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Was Schule im Aufbruch konkret anpackt, lest ihr unten.
Von FREI DAY bis Transformationsbegleitung: Was Schule im Aufbruch anbietet
Was Schule im Aufbruch ausmacht? Die Organisation unterstützt Schulen durch drei konkrete Bausteine, von denen der erste besonders bekannt sein dürfte: Der FREI DAY, ein Lernformat, das Schüler:innen dazu befähigt, die Herausforderungen unserer Zeit selbst anzupacken. Zusätzlich bietet SiA ein bundesweites Inspiration- und Vernetzungsnetzwerk sowie eine zwei- bis dreijährige Transformationsbegleitung nach dem Whole-School-Approach. Der Ansatz sei radikal menschenzentriert und langfristig gedacht: „Alle Beteiligten werden mitgenommen, und der Mensch steht im Mittelpunkt“, so Antje.

Warum es eine neue Lernkultur braucht
Warum stößt das aktuelle System immer wieder an Grenzen? Laut Antje hätten viele Jugendliche das Gefühl, „für die Welt von gestern ausgebildet zu werden“. Themen der Gegenwart – Digitalisierung, Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Wandel – seien im Schulalltag kaum angekommen. Neue Lernkultur bedeute deshalb, Schule vom Kopf auf die Füße zu stellen: weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zu selbstständigem, projektbasiertem Lernen. Kinder sollen sich Inhalte selbst erarbeiten – unterstützt durch Lernbegleiter:innen, KI, Expert:innen und außerschulische Partner. Dabei gehe es auch um die Zukunftskompetenzen, die heute unverzichtbar sind: kritisches Denken, digitale Kompetenzen, Kreativität, Kommunikation, Teamarbeit und sozio-emotionale Fähigkeiten. „Diese Lernkultur basiert auf Verantwortung, Sinn, Vertrauen und starken Beziehungen“, sagt Antje. Klassenzimmer können zu Gemeinschaftsräumen werden, Lernbegleiter:innen könnten coachen, statt frontal zu lehren.

Der FREI DAY: Vier Stunden Zukunft pro Woche
Besonders sichtbar wird der Wandel im FREI DAY. Jede Woche erhalten Schüler:innen vier Stunden Zeit, um an selbstgewählten Projekten zu den 17 Nachhaltigkeitszielen zu arbeiten – und zwar mit echtem Impact. So entstanden ein schuleigener Bio-Kiosk, soziale Küchenprojekte für Bedürftige oder die Umgestaltung eines Parks zu einem Treffpunkt für Jung und Alt. Wichtig beim Konzept: Scheitern gehört dazu, wenn man damit konstruktiv umgehe, erklärt Antje. Viele Schulen berichten, dass sich durch den FREI DAY auch das allgemeine Lernklima verbessert habe. Mittlerweile machen über 200 Schulen mit.
Wie sich Schulen durch SiA entwickeln können
Die Münchner Koordinatorin von Schule im Aufbruch hat selbst erlebt, wie stark Transformation Schulen verändern kann. Besonders eindrücklich sei die Christoph-Kolumbus-Grundschule, die nach zweijähriger Begleitung heute Lernbüros, FREI DAY, Klassenrat, Schülerversammlungen und ein spürbar kooperatives Kollegium hat. „Diese Schule hat mir gezeigt: Schulen können es schaffen, auch wenn das Gebäude alt ist und die Kinder sozial benachteiligt sind“. Forschungsergebnisse belegen zusätzlich den Erfolg von SiA: gestärkte Sozialkompetenzen, gelebte Demokratie, motivierteres Lernen und wirksamere Teamarbeit.
Wo es hakt und wo Schule im Aufbruch ansetzt
Der größte Hemmschuh für die Bildungsarbeit sei die enorme Belastung im Schulsystem. „Nicht alle haben die Kraft, Kapazität und Bereitschaft, den notwendigen Wandel einzuleiten und auszugestalten“, sagt Antje. Deshalb setze SiA auf die Schulen, die wirklich starten wollen und gebe ihnen Unterstützung im Prozessmanagement, das im Schulalltag sonst kaum vorkommt. Agile Methoden und Elemente der Organisationsentwicklung seien entscheidend, um Teams zu stärken und Wandel von innen heraus zu ermöglichen.

Partner, Politik und die Frage nach Freiräumen
Im Saarland und Baden-Württemberg hat das Kultusministerium Stellen geschaffen, die den FREI DAY fördern – ein „starkes Zeichen“, wie Antje betont. Daneben arbeitet SiA mit Organisationen wie Teachers for Future, Herausforderung einfach machen, beWirken und Förderstiftungen zusammen.
Politisch sei vieles in Bewegung: Kompetenzorientierung, Startchancen-Programm, KMK-Empfehlungen. Doch die Umsetzung hapere oft: Schulen wüssten nicht, was sie dürfen oder wie Veränderung praktisch gehen kann. „Wir wollen die Lücke im System füllen, bis wir uns eines Tages überflüssig machen“.
Eine Vision für 2035
Wie könnte Schule in zehn Jahren aussehen? Antje beschreibt ein lebendiges Bild: Orte voller Energie, an denen Kinder an Projekten arbeiten, Lehrkräfte Zeit und Freude haben, Räume vielfältig genutzt werden und die Gemeinde Teil des Lernens ist. Außerschulische Partner bereichern die Arbeit – und manche Lernende sind gerade nicht im Schulhaus, weil sie forschen, Interviews führen oder im Stadtteil aktiv sind. „An einzelnen Schulen wird das auch heute schon so gelebt. Ich engagiere mich dafür, dass dies zur Normalität wird“, so Antje Roggenstein.
