Wie ASSISTANTO Bildungsungleichheit bekämpfen will
Sprachliche Barrieren, komplexe Bürokratie und ein Bildungssystem, das stillschweigend umfangreiche Vorkenntnisse voraussetzt: Für viele Familien sind dies keine Randprobleme, sondern tägliche Realität. Vielfach betroffen sind Eltern mit Migrationsgeschichte und ihre Kinder. Die Bildungsinitiative ASSISTANTO setzt genau hier mit passenden Nachhilfe-Angeboten an. Wir haben mit Co-Gründerin Seniha Peci darüber gesprochen, warum Bildungsungleichheit ein strukturelles Problem ist, weshalb Elternarbeit zentral für Lernerfolge ist und was sich im System ändern müsste, damit Angebote wie ASSISTANTO eines Tages überflüssig werden.
Eine Gründung aus eigener Erfahrung
ASSISTANTO ist nicht aus einem abstrakten Konzept heraus entstanden, sondern aus sehr persönlichen Erlebnissen. „Wir selbst haben eine Migrationsgeschichte und kennen die Herausforderungen aus eigener
Erfahrung“, sagt Seniha über sich und ihre Mitgründerin Amina. Daher wissen die beiden um Unsicherheit im Kontakt mit Schulen, sprachliche Hürden und das Gefühl, im Bildungssystem nicht wirklich dazuzugehören. Sie fassten das Ziel, Kinder beim Lernen zu unterstützen: „Insbesondere jene, die durch sprachliche, kulturelle oder strukturelle Hürden im deutschen Bildungssystem benachteiligt sind.“

2015 starteten die beiden ASSISTANTO zunächst regional, mit direkter Begleitung einzelner Familien. Schnell wurde deutlich, wie groß der Bedarf ist. In den Folgejahren professionalisierte sich das Angebot: qualifizierte Lernassistent:innen, zunehmende Kooperationen mit Schulen, Lernförderung vor Ort sowie online und ein zentrales Element, das ASSISTANTO bis heute prägt: der mehrsprachige Elternservice.
Wenn individuelle Probleme strukturelle Ursachen haben
In der täglichen Arbeit mit Schulen und Familien wurde rasch klar: Die Herausforderungen einzelner Kinder sind selten individuelle Einzelfälle. Sie sind Ausdruck struktureller Engpässe. Lehrkräfte stehen unter massivem Zeitdruck, insbesondere an größeren Schulen. Für intensive Elternarbeit, individuelle Begleitung oder zusätzliche Förderung bleibt oft kaum Raum. Unterstützende Systeme wie Schulsozialarbeit oder interkulturelle Vermittlung sind vielerorts überlastet oder gar nicht vorhanden. Hinzu kommt die zunehmende Komplexität schulischer Anforderungen: Förderprogramme, Anträge, Fristen, Zuständigkeiten. Wer das System nicht kennt, bleibt schnell außen vor. Selbst dann, wenn Förderansprüche eigentlich bestehen.
„Es geht nicht um Schuldzuweisungen“, betont Seniha. „Schulen arbeiten unter enormem Druck. Aber genau deshalb braucht es ergänzende Strukturen und Kooperationen.“

ASSISTANTO als Vermittler zwischen Schule und Elternhaus
Besonders deutlich zeigen sich die Probleme in der Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationsgeschichte. Viele verstehen Elternbriefe, Zeugnisse oder schulische Schreiben schlicht nicht. Dabei geht es nicht nur um Sprache, sondern um fehlende Systemkenntnis. Übersetzungsapps greifen hier oft zu kurz. Manche Eltern verfügen über geringe digitale Kompetenzen oder sind analphabetisch – sowohl in Deutsch als auch in ihrer Herkunftssprache. Hinzu kommen unterschiedliche kulturelle Vorstellungen von Schule und Elternrolle, die zu Missverständnissen auf beiden Seiten führen.
Was fehlt, so Seniha, sind „systematische Brücken: niedrigschwellige, mehrsprachige Erklärangebote, Zeit für Beziehung und echte Dialogräume“. Genau hier versteht sich ASSISTANTO als Vermittler zwischen Schule und Elternhaus.
Was fehlender Zugang für Kinder konkret bedeutet
Die Folgen dieser Barrieren zeigen sich unmittelbar im Alltag der Kinder. Schon einfache Lernroutinen wie gemeinsames Lesen oder Üben sind für viele Familien kaum umsetzbar. Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitung oder organisatorische Anforderungen bleiben oft unbegleitet. Besonders sichtbar wird das bei scheinbar banalen Dingen: nicht unterschriebene Einverständniserklärungen, unvollständig gepackte Rucksäcke bei Ausflügen oder verpasste Klassenfahrten – Situationen, die Ausgrenzung und Scham erzeugen. Hinzu kommt die komplexe Bürokratie rund um Bildungs- und Teilhabeleistungen. Unterschiedliche Verfahren je nach Kommune führen dazu, dass Fördermittel häufig nicht abgerufen werden – obwohl sie dringend benötigt würden.
Der systemische Ansatz von ASSISTANTO
Für die ASSISTANTO-Gründerinnen war früh klar: Nachhaltige Bildungsarbeit kann nicht beim Kind allein ansetzen. Lernen ist immer eingebettet in Familie, Schule und Beziehungen. „Wer nur das Kind fördert, aber das Umfeld ausblendet, behandelt Symptome, nicht Ursachen“, sagt Seniha. Deshalb richtet sich das Angebot bewusst auch an Eltern sowie an die Lernassistent:innen, die als Vertrauenspersonen, Motivatoren und emotionale Anker eine zentrale Rolle spielen. Der Ansatz ist systemisch: Kinder stärken, Eltern befähigen, Lernbegleitung professionalisieren. Erst dieses Zusammenspiel ermögliche echte Teilhabe und langfristige Bildungserfolge.

Wenn Eltern handlungsfähig werden
Die Wirkung zeigt sich deutlich, sobald Eltern verstehen, wie Schule funktioniert und welche Möglichkeiten sie haben. „Aus Unsicherheit wird
Orientierung, aus Ohnmacht wird Handlungskompetenz“, fasst Seniha zusammen. Für die Kinder bedeute das Entlastung. Sie müssen nicht mehr zwischen Schule und Elternhaus vermitteln, sondern erleben ihre Eltern als aktive Bildungspartner. Das stärkt Selbstwert, Motivation und emotionale Sicherheit, also zentrale Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.
Was sich strukturell ändern müsste
Langfristig, so Seniha, dürften Bildungschancen nicht länger vom sozialen oder sprachlichen Hintergrund abhängen. Dafür braucht es mehr Personal in Schulen, insbesondere für Sprachförderung, Elternarbeit und psychosoziale Begleitung. Zudem müsse Mehrsprachigkeit institutionell verankert werden: nicht als Zusatzaufgabe engagierter Einzelner, sondern systematisch. Bürokratische Prozesse, insbesondere im Bereich der Bildungs- und Teilhabeleistungen, müssten deutlich vereinfacht, transparent und niedrigschwellig gestaltet werden. Solange dies nicht der Fall ist, werde es ergänzende Strukturen brauchen. ASSISTANTO versteht sich deshalb als Partner im Netzwerk: niedrigschwellig, auf Augenhöhe und offen für Kooperationen.
